Templerburg Convento de corvey

Tradition mit Vision

Viktor 5. Herzog v. Ratibor und 5. Fürst v. Corvey erhält das Weltkulturerbe Corvey in Höxter mit neuen Sanierungskonzepten, modernen Betrieben und vielfältigem kulturellen Angebot.

Von Dr. Felicitas Freifrau von Aretin

Gefragt, was ihn in seiner Zeit als Schlossherr am meisten freute, kommt die Antwort prompt: Als im Wüstenstaat Katar 2014 die Entscheidung fi el, die ehemalige Benediktinerabtei mit dem imposanten Westwerk aus karolingischer Zeit zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erheben. „Das war für meine Familie eine große Freude nach 15 Jahren unzähliger Anträge, den begehrten Titel zu erhalten“, erzählt Viktor 5. Herzog v. Ratibor und 5. Fürst v. Corvey. Sieht man von der Abteikirche ab, befi ndet sich die einstige Reichsabtei im Privatbesitz: heute ein Schloss mit 365 Zimmern und 600 Fenstern. Wirtschaftliches Rückgrat bilden die 4500 Hektar Land- und Forstwirtschaft sowie Wald in Mecklenburg-Vorpommern und Ländereien in Sachsen-Anhalt, die der 61-Jährige von Corvey aus verwaltet. Buche, Fichte, Eiche dominieren den Forstbetrieb. Die Landwirtschaft fokussiert auf Ackerbau. Jährlich strömen Tausende Touristen nach Corvey, um das Turmgebäude mit dem Westwerk und Wandgemälderesten aus der „Odyssee“ zu besichtigen. Auch die barocke Schlossanlage mit Bibliothek, Besucherzentrum, Museum und Remtergarten lockt die Besucher. „Wir präsentieren das karolingische Westwerk samt der Civitas Corvey museumspädagogisch und wissenschaftlich auf dem neuesten Stand und kooperieren eng mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe zusammen.“ Familienbild Bereits vor der Zusage der UNESCO-Kommission hatte die Familie deutlich investiert, Gewerbebetriebe angesiedelt und Schloss samt Park geöffnet. Dennoch drohte 2013 eine empfi ndliche Kürzung der nordrhein-westfälischen Denkmalschutzmittel. Zudem wehrte sich der Herzog dagegen, seine Eigentumsrechte durch die öffentliche Hand „auf kaltem Wege beschnitten zu sehen“. Ein Verkauf kam für das Herzogspaar zu keiner Minute infrage. Heute arbeiten Herzog und Denkmalschutz eng zusammen. „Allein die Dachrenovierung aus Sandstein kostet Unsummen, da müssten wir als Familie ohne Fördermittel die Segel streichen“, so der Herzog. „Wir sind sehr dankbar, wie Förderprogramme des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen einspringen, um das einzigartige Baumonument zu erhalten.“ Wie die einst reichsunmittelbare Benediktinerabtei an das Haus Hohenlohe-Schillingsfürst kam, ist eine Geschichte mit Wendungen. Zur Absicherung ihrer Herrschaft siedelten die Karolinger Benediktinermönche aus der französischen Abtei Corbie im Grenzland an, um die jüngst eroberten sächsischen Gebiete in das Frankenreich einzugliedern. Im 9. und 10. Jahrhundert entwickelte sich die Abtei mit berühmtem Skriptorium zum Bollwerk der Christianisierung und kulturellen, wirtschaftlichen und spirituellen Zentrum. Bekannte Bischöfe gingen aus Corvey hervor. Herrscher hielten ihre Reichstage ab. Im Dreißigjährigen Krieg zerstört, ließen die Äbte Corvey als prunkvolle Barockanlage wiederaufbauen – bis das Fürstbistum 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst wurde.

Mittelalterdorf

Das Fürstenhaus

Mit dem Reichsdeputationshauptschluss gelangte das Kloster als Entschädigungsmasse der linksrheinischen enteigneten Fürsten in den Besitz des Landgrafen von Hessen. Der kinderlose hessische Landgraf Viktor Amadeus von Hessen Rotenburg vermachte 1825 testamentarisch seine außerhessischen Besitztümer an seinen Neff en, den Prinzen Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Dessen Mutter Constanze war die Schwester der Landgräfi n Elise von Hessen Rotenburg. Der Erbprinz wuchs bei Onkel und Tante in Fulda auf. Nach dem Tod des Landgrafen 1834 erbte der 16-jährige Prinz Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst das schlesische Herzogtum Ratibor und das Fürstentum Corvey mit umfänglicher Land- und Forstwirtschaft, was ihn zu einem der reichsten Standesherren des Kaiserreichs werden ließ. Mit dem Ratibor-Corvey’chen Familien-Fideikommiss bildete sich eine eigenständige Familie. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. erhob 1840 die Familie in den Herzog- beziehungsweise erblichen Fürstenstand, womit Viktor zum ersten Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey wurde. Als Präsident des preußischen Herrenhauses und Mitglied des Reichstags zählte er zu den einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Sein Berliner Palais wurde zum gesellschaftlichen Treff punkt von Adel, Großbürgertum und Kulturschaff enden. Sein Bruder Chlodwig war preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler; Gustav Adolf lebte als deutscher Kurienkardinal in Rom, der jüngste Bruder Konstantin diente dem österreichischen Kaiser Franz Josef als Erster Obersthofmeister. „Bis 1918 spielten die Herzöge v. Ratibor eine führende Rolle in Politik, Wirtschaft und Kultur. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie konzentrierte sich die Familie auf die Bewirtschaftung ihrer Liegenschaften in Corvey und Ratibor“, so der Herzog, der über seine Mutter Isabelle, eine geborene Gräfin zu Salm-Reifferscheidt-Krautheim und Dyck bestens im europäischen Hochadel vernetzt ist. „Wir vier Brüder tauschen uns oft aus. Mein Bruder Tassilo steht vor ähnlichen Herausforderungen wie ich und hat Schloss Grafenegg sowohl zu einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb wie zu einem kulturellen Kleinod in ausgebaut.“ Schloss Grafenegg gehört zu einem der Stammsitze der Familie, wo der Herzog seine Kindheit und Jugend verbrachte. Im 19. Jahrhundert war das Schloss im Stil des romantischen Historismus umgebaut worden. „Mein Vater Franz-Albrecht Metternich-Sándor hat jahrzehntelang darum gekämpft, das von den sowjetischen Besatzern demolierte Schloss mit Landes- und Bundesmitteln zu renovieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erzählt der Herzog. Die Familie habe zunächst „gemütlich“ im Verwalterhaus gewohnt. Als jüngster Sohn von Viktor 3. Herzog v. Ratibor und Elisabeth Pauline Fürstin zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Spielberg wurde sein Vater Franz-Albrecht von seiner Großtante Prinzessin Klementine von Metternich-Sándor adoptiert. „Die ersten Jahre meines Lebens hieß ich wie meine Brüder deshalb Metternich-Sándor“, berichtet der Schlossherr. Sein Vater teilte bereits zu Lebzeiten seinen Besitz unter seinen Söhnen auf. An seinen ältesten Sohn fiel Corvey. 1996 zieht der spätere Herzog von Corvey ganz nach Westfalen um und macht das große Schloss zur Heimat für seine Familie. „Nach meinem Wirtschaftsstudium in Wien und dem Militärdienst in Tirol habe ich als Forstamtsleiter wertvolle Erfahrungen gesammelt“, erzählt der ehemalige Unternehmensberater. 1998 heiratet er Alexandra Edle v. Wohlgemuth, die aus einer alten Tiroler Adelsfamilie stammt. In rascher Folge werden die vier Kinder des Paars geboren, darunter Erbprinz Viktor, der sich mit einem internationalen Wirtschaftsstudium auf seine künftige Aufgabe vorbereitet. „Meine Kinder hatten hier in Corvey eine unbeschwerte Jugend“, erzählt der Vater und fügt hinzu, dass inzwischen alle aus dem Haus seien.

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Zufluchtsort nach dem Krieg

„Mit Corvey verbinde ich herrliche Jugenderinnerungen in den Sommerferien. Wir sind durch den Park, die Ländereien und Stallungen getobt“, so der Schlossherr. Für seinen Vater bedeutete Schloss Corvey nach dem Zweiten Weltkrieg ein Zufluchtsort. „Er übernahm mit 25 Jahren die Verantwortung für den Familienbesitz von meinem Großvater in einer damals prekären Situation.“ Die schlesischen Besitzungen wie das Herzogtum Ratibor und Schloss Rauden, der Stammsitz der Familie, fielen an den pol nischen Staat. In Ungarn wurde die Familie enteignet. In Österreich hielten die Sowjets Schloss Grafenegg besetzt. Mit Mut und Weitsicht baute Franz Albrecht Metternich-Sándor sowohl die Land- und Forstwirtschaft in Österreich als auch in Westfalen zu innovativen Betrieben aus. „Ich habe von meinem Vater gelernt, wie wichtig eine moderne Unternehmensführung und ein exquisites Kulturprogramm sind, um das Schloss in der Gegend zu verankern“, erklärt der Herzog. In Schloss Grafenegg begeistert das musikalische Festival im historischen Landschaftsgarten unter Leitung des bekannten österreichischen Pianisten Rudolf Buchbinder mit Starbesetzung das Publikum. In Corvey haben die Sommerkonzerte mit renommierten, jungen Musikern aus aller Welt im Kaisersaal inzwischen Tradition. Für das alljährliche Gartenfest öffnet die herzogliche Familie im Sommer ihren privaten Garten. Bibliophile fasziniert die Bibliothek. Schon das Benediktinerkloster besaß im Mittelalter eine exzellente Schreibstube – mit Vorliebe für antike Dichter wie Tacitus. Im Barock baute der Corveyer Abt Maximilian von Horrich eine berühmte Bibliothek auf, die in der Säkularisation zerstört wurde. Heute bestaunen Besucher in hölzernen Wandschränken die fürstliche Bibliothek aus dem 19. Jahrhundert. Viktor 1. hatte seine Liebe zum Buch von seinem Onkel übernommen. Ab 1860 beschäftigte er den Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (s. Deutsches Adelsblatt 11/25), der die Bibliothek durch Ankäufe zu der größten Privatbibliothek Deutschlands mit rund 75 000 Bänden ausbaute. Seine letzte Ruhestätte fand der Dichter des Deutschlandliedes auf dem Friedhof der Abteikirche. „Wir sind eine der kunsthistorischen Perlen des Weserlands“, sagt der Herzog. „Die Besucherzahlen haben sich allerdings nicht so entwickelt, wie wir dachten.“ Die fehlende schnelle Autobahnverbindung und die abgelegene Lage erschweren es, das volle touristische Potenzial auszuschöpfen. Entscheidend sei es deshalb, die verschiedenen kulturellen Angebote der Region besser zu vernetzen und in ein gemeinsames Marketingkonzept einzubinden. „Bei allen Herausforderungen kann ich mir dennoch nichts Schöneres vorstellen, als Corvey mit seinen Betrieben finanziell gut aufgestellt an die nächste Generation zu übergeben“, betont der Herzog. Was er schätzt, ist die Vielfalt seiner Tätigkeiten als Unternehmer, der Betriebe führt, als Schlossbesitzer, der für moderne Sanierungskonzepte bei Erhalt der historischen Bausubstanz steht, und Kulturförderer, der Corvey als lebendigen Ort der Begegnung gestaltet.